Regeln für das Genießen: Compliance-Vorschriften in Wirtschaft und Politik

Wer die Qual der Wahl hat, sollte auf sein Innerstes hören. Stephan Huber: Saussures Herz, 2001 (Museum für bildende Künste Leipzig)
Wer die Qual der Wahl hat, sollte auf sein Innerstes hören. Stephan Huber: Saussures Herz, 2001 (Museum für bildende Künste Leipzig)

Compliance ist ein upcoming issue in Wirtschaft und Politik. Dahinter verbirgt sich die Notwendigkeit, die Regeln in der Zusammenarbeit von Organisationen und Mitarbeitern zu formulieren. Denn die Modernisierung der Arbeitswelt setzt vielerorts althergebrachte Strukturen außer Kraft. Vielerorts wächst damit auch die Notwendigkeit, die Vorstellungen von dem, was normal ist, festzulegen. Denn Unwissenheit oder Unachtsamkeit sind keine Entschuldigung für Verstöße gegen Gesetze und Vorschriften.

 

Compliance - eine Frage der Ethik

 

Das Handeln von Führungskräften fokussiert sich vor allem auf messbare Kennzahlen im Bereich Umsatz und Gewinn. Eine Unternehmensethik betrifft demgegenüber die persönliche Einstellung der Entscheidungsträger, die Qualität der Beziehungen zu Mitarbeitern und Kunden und die Kommunikation im Unternehmen. Faktoren, die sich schnell auf den Ruf eines Unternehmens oder einer Behörde auswirken können.

 

Wer lädt wen zum Essen ein?

 

Klassisches Beispiel Geschäftsessen: Kleine Aufmerksamkeiten erhalten die Freundschaft, können für Unternehmen jedoch zur Stolperfalle werden, wenn sie Einfluss auf Entscheidungen nehmen. Ein weiteres Beispiel ist die Digitalisierung; sie stellt neue Herausforderungen an die Datensicherheit in Organisationen. Hier geht es darum, Führungskräfte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Thema IT-Sicherheit zu sensibilisieren. Eine Compliance-Gefahr erwächst auch Personalverantwortlichen, die in Stellenausschreibungen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) außeracht lassen. Doch nicht immer liegen die Dinge so klar vor Augen. Schwieriger fällt die Abgrenzung von legitimen und illegitimen Verhaltensweisen etwa bei leichteren Formen der Diskriminierung am Arbeitsplatz.

 

Aporie der Norm

 

Kulturhistorisch betrachtet ist das Gesetz eine Gabe Gottes. Die jüdisch-christliche Fassung der Sinai-Gebote stellt bis in die Gegenwart allgemeinverbindliche Regeln des Verhaltens auf. Was die Auswirkung betrifft, richteten sich die Gebote jedoch an den Einzelnen (Du sollst nicht…). Darin liegt ganz grundsätzlich die Aporie der Norm: Als universale Regel formuliert, erzielt sie ihre Wirkung im Einzelfall. Insofern greift Compliance eine uralte Frage der Menschheitsgeschichte auf: Wie hältst du es mit dem Gesetz? Das Problem ist jedoch, dass der Menschen dazu tendiert, den Verzicht, den das Gesetz ihm auferlegt, durch allerlei Sonderregelungen zu unterlaufen. Die berüchtigte Ausnahme von der Regel erlaubt nicht zuletzt ein spezifisches Genießen, das auch durch die Institutionalisierung allgemeiner Werte und Normen nicht aufgehoben werden kann.

 

Regeln für das Genießen

 

Compliance-Vorschriften in Unternehmen und Organisationen regeln also spezifische Formen des Genießens. Sie haben zum Ziel, sozialschädliche Folgen des Genießens abzumildern. Dazu setzen sie auf Transparenz und Prävention und schulen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Umgang mit Interessenkonflikten. Aus analytischer Sicht besteht der Mehrwert von Compliance-Maßnahmen darin, neue Ebenen der Ordnung einzuführen, die von allen geteilt werden, aber auch dem Genießen zu seinem Recht verhelfen. Denn der Sinn von Compliance-Vorschriften wäre zu kurz gefasst, würden sie nur dazu anleiten, Verbote zu beachten. Andernfalls wird das Genießen zum Privileg Einzelner, denen es gelingt, das Verbotene in ein individuelles Sonderrecht umzuwandeln.

 

Compliance als Prozess

 

Compliance ist ein Prozess, denn das Funktionieren von Regeln lässt sich kaum ein für alle Male regeln. Vielmehr geht es darum, das Feld des Erlaubten immer wieder neu auszuloten. Moritz Senarclens de Grancy

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