Der verblasste Eros des Miteinanders

Die wahren Dinge sage ich dir lieber draußen, denn das Drinnen der Arbeitswelt ist fad und fremd. Doch Achtung: Im Bild geht es keineswegs um Brüderlichkeit, sondern um eine trügerische Gleichheit. Bild MSG
Die wahren Dinge sage ich dir lieber draußen, denn das Drinnen der Arbeitswelt ist fad und fremd. Doch Achtung: Im Bild geht es keineswegs um Brüderlichkeit, sondern um eine trügerische Gleichheit. Bild MSG

 

Wenn der Chef zweimal klingelt, sucht er gewiss keinen Gesprächspartner. Schade eigentlich! Aber in der modernen Arbeitswelt fehlt meist die Zeit für persönlichen Austausch. Statt dessen heißt es: Arbeiten Sie weiter, dies ist nicht der Ort, um Ihr Begehren kundzutun. Dabei hat Arbeit durchaus mit Lust zu tun. Freuds Arbeitsbegriff zum Beispiel legt einen engen Zusammenhang zwischen Denken, Arbeiten und Genießen nah. Er spricht vom Trieb als einer positiven Kraft jenseits des Schicksals, die pausenlos aktiv ist, ob wir wollen oder nicht. Warum also die Arbeit nicht mehr genießen?

 

Unterdessen haben sich die anerkannten Arten des Genießens im Feld der Arbeit gewandelt. In den zurückliegenden Jahren wurde die Arbeitswelt nach den Idealen Freiheit und Chancengleichheit verändert, während die Brüderlichkeit – also der freiwillige Zusammenschluss von Personen beiderlei Geschlechts – in Vergessenheit geriet. So scheint es sich auch bei Diversity im Kern um eine Veränderung des Menschenbildes ausgehend vom Sex zu handeln – welche indes den Eros des Miteinanders abzuschaffen droht.

 

Neue Formen der Arbeit fördern oftmals das unkooperative Ich, schreibt Richard Sennett in seinem Buch Together (dt.: Zusammenarbeit. 2012). Damit sind narzisstische Einstellungen gemeint, die an Phantasien eigener Großartigkeit und Einzigartigkeit hängen und in den Bedürfnissen anderer tendenziell eine unzulässige Unterdrückung der eigenen Freiheit sehen. Unstreitig besteht die Realität zu einem wesentlichen Teil aus anderen Menschen und ihren Bedürfnissen. Anstatt sich aufeinander einzustimmen, zieht das narzisstische Ich es vor, den sozialen Rückzug anzutreten oder – falls es dazu die Macht besitzt – das Andere bzw. Fremde zu marginalisieren.

 

Damit erweist sich die narzisstische Einstellung zum Leben allerdings auch als besonders anfällig für Langeweile. Selbstbezüglichkeit ist monoton, wenn es nicht einen Anderen gibt, der sich als Follower, Fan oder Bewunderer zur Verfügung stellt. Das libidinöse Problem des Narzissmus bleibt allerdings bestehen: Das narzisstische Ich ist unfähig zur Berührung des anderen; es sieht ihn nicht und fühlt ihn nicht. Diese Unfähigkeit zur Beziehungsgestaltung verkauft sich das narzisstische Ich noch als individuelle Freiheit.

 

Demgegenüber lautet der libidinöse Imperativ der Postmoderne: Du kannst sexuell alles machen, was du willst, solange du es nicht heimlich machst. Die Folge: Der öffentliche Raum unserer Tage wirkt in erotischer Hinsicht leer und öde. Erotik lebt vom Geheimnis der Sprache. In den dominierenden Bildmedien, im Fernsehen, auf Werbeplakaten oder in Zeitschriften zeigt sich Erotik allenfalls noch regressiv, etwa im Oralgenuss.  Beef!Männer kochen anders heißt zum Beispiel eines der derzeit angesagtesten Männermagazine. Auf dem Cover ein Stapel Koteletts, dazu der Titel: “Fesselspiele – Saftige Rollbraten, straff geschnürt, erregend gut”.

 

Lang ist es her, als echte Männermagazine wie Playboy oder Lui mit dem Gegenüber von Pin-up und Text für erotische Spannung sorgten und Generationen junger Männer erotisch sozialisierten. Diese ästhetische Bildungsaufgabe hat nunmehr die Massenpornographie im Internet übernommen, mit ihrer ewig redundanten Bildstrategie eines ungestörten Lustgewinns, wie er vor allem den libidinösen Bedürfnissen männlicher Sexkonsumenten entgegenkommt. Doch Bedürfnis ist nicht gleich Begehren. Wo sich der Triebgenuss ausschließlich körperlich einstellt, bleibt die Neugier am Erotischen und seinem aufrüttelnden Potenzial unbefriedigt. Selbst anspruchslose Konsumenten lässt Internetpornographie ungesättigt zurück.

 

Der Code der Leidenschaften unserer Zeit leidet darunter, dass er immer öfter nur noch in virtuellen Räume stattfindet anstatt im Austausch der unmittelbaren Begegnung. Vielleicht hat dieser Rückzug von der Zwiesprache mit dem Anderen auch mit dem Wunsch zu tun, Angst abzubauen. Angst davor, sich mit den Bedürfnissen des Anderen auseinanderzusetzen. Angst davor, nicht die richtigen Worte zu finden. Es stimmt ja, wie man allgemein sagen hört, dass Erotik im Kopf stattfindet, was nichts anderes bedeutet, als dass Erotik mit Phantasie zu tun hat, die ihre Spannkraft aus dem Symbolischen bezieht – aus dem Austausch von Sprache und Sprechen.

 

Blicken wir zurück in die Zeit der Entstehung des Bürgertums – einem aus Verdrängungen entstandenen Teil der Gesellschaft. Das Anliegen des Bürgertums war es, sagt Michel Foucault in Sexualität und Wahrheit (1976), sich einen Körper und eine Sexualität zu geben und sich dadurch seinen Fortbestand, seine Differenz und seine Hegemonie zu sichern. Für Foucault liegt darin auch der Grund, weshalb das Bürgertum so lange gezögert hat, bis es den anderen, eben von ihm ausgebeuteten Klassen einen Körper und einen Sex zuerkannt hat.

 

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kümmerte es das Bürgertum wenig, in welchen Lebensbedingungen das Proletariat lebte und in welchem Zustand sich Gesundheit, Körper und Sex der Arbeiter und Arbeiterinnen befanden. Hierfür mussten erst Konflikte auftreten, deren Schauplatz der Raum der Stadt war: Ansteckung, Epidemien, Prostitution. Das Bürgertum wollte das Heft des Handelns in den Händen behalten und organisierte Fürsorge-, Bildungs- und Versicherungsanstalten, um der Arbeiterklasse die endlich zuerkannte Sexualität gefahrlos zu ermöglichen. So kam es auch dazu, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts Sexualität zu einem Distinktionsmerkmal wurde, anhand dessen sich Bürgertum und Arbeiterklasse voneinander unterschieden.

 

Sexualität ist nicht gleich Sexualität – es gibt sie in unterschiedlichen Reifegraden. Im Paradigma des Narzissmus zum Beispiel nimmt sich der Einzelne selbst zum Objekt seiner Triebwünsche. Häufig geht damit auch ein Streben nach Perfektionismus in bezug auf die Selbstwahrnehmung einher. Solche Menschen sind getrieben davon, so zu sein, wie sie wirklich, wirklich sein sollten. Sie hängen einer merkwürdigen Vorstellung von Authentizität an, die das illusorische Ziel vermeintlich echter Natürlichkeit verfolgt. Diesen Leitbildern heften Idealvorstellungen vom Selbstsein an, die sich in dieser Weise natürlich niemals einstellen. Auf der anderen Seite hat dies zur Folge, dass die Welt, in der sie leben, niemals gut genug ist. Sie bietet stets zu wenig Befriedigung. Es droht der selbstgewählte Rückzug, der die narzisstische Isolation noch vertieft.

 

Auch in unserer Zeit ist Sexualität ein Distinktionsmerkmal. Die regressiven sexuellen Stadien – Oralität und Narzissmus als die hier erwähnten Beispiele – weisen darauf hin, dass eine reife sexuelle Identität durchaus als das Privileg lediglich einiger Menschen verstanden werden kann. Anders gesagt, nur wenige können sich einen selbstbestimmten freien Umgang mit der Sexualität leisten, ohne auf dem Niveau infantiler Befriedigungsmuster zu verharren. Das hat mit den gesellschaftlichen Verhältnissen ebenso zu tun wie mit den spezifischen Herausforderungen des Triebes “als ein Maß der Arbeitsanforderung, die dem Seelischen infolge seines Zusammenhangs mit dem Körperlichen auferlegt ist” (Freud, Triebe und Triebschicksale, S. 214).

 

Zuletzt ein Beispiel für eine Wiederbelebung des Eros des Miteinanders: In Berlin gibt es vielerorts sogenannte Co-Working-Spaces – Orte beispielsweise in Ladenlokalen, wo sich Menschen in lockeren Verbünden zum Arbeiten organisieren, aber auch untereinander bei der Entwicklung eines Projekts oder einer Geschäftsidee fördern und beraten. Diese Organisationsform der Arbeit ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Objektwahl narzisstische und objektliebende Einstellungen gleichermaßen berücksichtigen kann. Die Funktionslogik dieser Art Kooperation liegt darin, sich von anderen dabei helfen zu lassen, sein eigenes Ideal sein zu können.

 

Sublime Formen der Sexualität werden hierbei zu Wortführern von Strebungen, welche in der Rolle eines Gewissens den Einzelnen bei seinen Schritten auf dem Weg der beruflichen und persönlichen Entwicklung weiterbringen. Man hat es also mit Triebschicksalen zu tun, die sich in den Dienst anderer zu stellen wissen, um den eigenen Zielen näher zu sein. Zugleich ist es ein Weg der Entwicklung, die den Verlockungen der narzißtischen Objektwahl und den mit ihr einhergehenden Gefahren einer isolierenden, paranoischen Positionierung ausweicht. Moritz Senarclens de Grancy